Abuomar, Syrien

Interview mit Abuomar, 31 Jahre aus Aleppo, Syrien, geführt im März 2016 

Abuomar. möchte seinen Namen nicht bekannt geben und kein Foto zeigen, damit seine Familie nicht in Gefahr gerät.

Wo bist du geboren und wie hast du gelebt?
Ich komme aus Syrien, aus Aleppo einer Stadt mit Kultur, Industrie und leckerem Essen. Es gibt dort die Zitadelle von Aleppo, sie wird als eine der ältesten und grössten Festungen der Welt angesehen. Ich bin in Saudi-Arabien geboren. Mein Vater war dort Lehrer. Bis zur 7. Klasse war ich dort, dann sind wir nach Syrien zurück. Die Familie meiner Mutter kommt vom Schwarzen Meer, sie ist aber wie mein Vater in Syrien geboren. In Syrien hat mein Vater dann nicht mehr als Lehrer gearbeitet, sondern einen Laden für Elektrogeräte aufgemacht. Ich habe drei Brüder und zwei Schwestern. Später haben einer meiner Brüder und ich gearbeitet, um das Geld für die Familie zu verdienen. Ich war als Maler und Stuckateur bei meinem Onkel. Eines Tages bin ich beim Arbeiten von einer Leiter auf eine Treppe gefallen und habe mir einen Wirbel und einen Ellbogen gebrochen. Danach konnte ich nicht mehr malern. Parallel habe ich mein Diplom als Sportlehrer an der Universität gemacht. Um weiter Geld zu verdienen habe ich dann mit Grafikdesign angefangen. Ich habe Büchercover und das Setzen und Illustrieren von Büchern übernommen und auch ein eigenes Kinderbuch über gutes Benehmen erstellt. Außerdem habe ich Portraits gezeichnet, Logos erstellt und vieles mehr.
Mein Mutter hat mich angesprochen, dass ich mit ihr ein Mädchen aus der Nachbarschaft kennenlernen. Sie ist sehr schön. Nach 11 Monaten haben wir geheiratet. Ich habe damals immer parallel gearbeitet und studiert, so dass ich ein kleines Haus kaufen konnte, in einer einfachen Gegend. Kurz vor der Hochzeit wurde es jedoch im Bürgerkrieg zerstört. So zogen wir nach der Hochzeit in eine Mietwohnung in der Nähe meiner Eltern.
Meine Frau wurde schwanger. Als sie ungefähr im fünften Monat war, gab es einen schlimmen Bombenangriff. Wir waren 7 Stunden lang im Bad. Drei Raketen haben in unser Haus eingeschlagen. Die Fenster zerbarsten, das Dach wurde weg gesprengt. Die Angst war so groß, dass meine Frau das Baby verlor. Wir waren nach dem Angriff im Krankenhaus. Das war schlimm.
Dann wurde es wieder ruhiger. Nach ein paar Monaten war meine Frau wieder schwanger und Omar kam zur Welt.

Aus welchem Grund bist du nach Deutschland gekommen?
Ich wollte nicht zum Militär. Egal wo man im Syrischen Bürgerkrieg kämpft, man steht immer auf der falschen Seite. Ab 2014 ließ die Regierung mit einer Liste Männer zur Armee einberufen. Erst waren es nur die jüngeren Jahrgänge. Dann nach und nach immer ältere Jahrgänge. Ich hatte 2008 meinen Militärdienst abgeleistet. Als ich auf der Liste um meinen Jahrgang herum nicht auftauchte, fragte ich bei der Regierung um Erlaubnis, meine Mutter und Schwester in der Türkei zu besuchen und ihnen etwas zu bringen.

Wie lief die Migration ab?
Ich bin also im August 2015 mit Visum in den Libanon und von dort in die Türkei geflogen. Von dort bin ich über die griechische Insel Psermius, dann über Kalimnos nach Athen. Von dort mit dem Bus zur mazedonischen Grenze, dann mit dem Zug nach Serbien und mit einem Taxi an die ungarische Grenze und mit Schleppern nach Österreich. Mein Onkel war ab der Türkei dabei. Von Österreich aus fuhren wir am 1. September 2015 mit dem Zug nach Nürnberg. Dort hat uns die Polizei für den Asylantrag mitgenommen. Dann war ich in Fürth im Höffner-Camp, anschließend kurz in Scheinfeld. Anschließend kam ich wieder nach Fürth.

Wie lange wartest du auf deinen Asylbescheid?
Seit ein paar Tagen ist mein Verfahren durch (März 2016). Morgen bekomme ich die dreijährige Aufenthaltserlaubnis. Dann kann ich versuchen meine Frau und meinen Sohn zu mir zu holen.

Warum bist du nach Deutschland geflüchtet?
Ich wollte schon mit 15 Jahren nach Deutschland. Ein Cousin von mir war in Deutschland und hat mir erzählt, wie es hier ist: alles ist gut gemacht, die Gebäude, die Technik. „Made in Germany“ habe ich immer vertraut. Deshalb wollte ich hierher.

Wie war die Eingewöhnung?
Ich war 25 Tage in der Höffner-Außenstelle der Erstaufnahmeeinrichtung. Dort konnte ich noch kein Deutsch lernen. Bis jetzt habe ich deutsch vor allem aus dem Internet gelernt. In Scheinfeld war ich 10 Tage, dann kam ich in die Asylbewerberunterkunft mit sechs Leuten in meinem Zimmer. Da ist es immer laut. Deshalb fahre ich oft zur Bibliothek in Nürnberg. Ich habe mir einen Ausweis geholt und lerne dort. Ich hatte auch vier Monate lang einen Deutschkurs

Hast du Kontakt zu Freunden und Verwandten in Syrien?
Ja, täglich bin ich viele Male in Kontakt. Denn es kann ständig etwas passieren. Deshalb frage ich jeden Morgen nach, ob alles in Ordnung ist

Was glaubst du, wie wird deine Zukunft aussehen?
Erst möchte ich eine Art Abschluss als Designer machen, in 3D-Design: Charaktere für 3D-Filme für Werbung und anderes erstellen, das kann ich schon. Darin habe ich ein Zertifikat und damit möchte ich gerne weitermachen. Ich weiß noch nicht, ob ich zurückgehen kann. Sowohl die Regierung als auch die Rebellen mögen mich nicht, da ich nicht mit ihnen gekämpft habe. Deshalb will ich hier arbeiten, ein neues Leben beginnen. Und Deutschland danke sagen. Ich möchte nicht vom Sozialamt leben, ich möchte arbeiten, das kann ich ja. Ich möchte „deutsch“ werden, auch wenn ich arabisch bleibe. Mich an die Gesetze halten, etwas Gutes für Deutschland tun.
Und natürlich möchte ich meine Familie bei mir haben!

Hier das Interview als pdf Abuomar Interview

Zwei Arbeitsblätter zu den Interviews für den Schulunterricht finden Sie hier.

Der SyrienkonfliktSeit 2011 fordert die syrische Protestbewegung den Sturz der Regierung unter Präsident Baschar al-Assad. Die Menschen fordern mehr Freiheit, Demokratie und wehren sich gegen die Unterdrückung und Zensur des Regimes. Die Sicherheitskräfte gehen mit Härte gegen die Opposition vor, viele Menschen wurden verhaftet, gefoltert, getötet. Seither bekämpfen sich Regierungs-Anhänger und Gegner, verschiedeneste Gruppierungen wollen an die Macht, unter anderem auch auch die Terrororganisation „Islamischer Staat“. Der IS hat ca. 50% der Fläche Syriens im Norden und Osten unter seine Kontrolle gebracht.

Die Situation für die syrische Bevölkerung wird immer dramatischer, vielen Menschen fehlt es am Notwendigsten zum Überleben. Über 11 Millionen Menschen sind mittlerweile auf der Flucht. Das ist etwa die Hälfte der Bevölkerung. Bei den kriegerischen Auseinandersetzungen sind mittlerweile schon mehr als 250.000 Menschen ums Leben gekommen.

(Quellen: www.politische-bildung.de und www.unhcr.ch am 3.12.2015)