S.A., Irak

Interview mit S.A., 26 Jahre, Flüchtling aus Mossul, Irak, geführt im November 2015

S.A. möchte seinen Namen nicht bekannt geben und kein Foto zeigen, damit seine Familie nicht in Gefahr gerät.

Woher kommst du?

Ich bin aus meiner Heimatstadt Mossul hierher gekommen. Mossul ist die zweitgrößte Stadt im Irak mit etwa 3 Millionen Einwohner. Dort habe ich mit meiner Mutter, meinen drei Brüdern und meiner Schwester gelebt. Mein Vater ist an einer Krankheit gestorben. Meine Schwester ist verheiratet und lebt mit ihrem Mann auch in Mossul. Mit meinen Brüdern und meiner Mutter habe ich zusammengelebt, bevor ich geflüchtet bin.

Was hast du im Irak gemacht? Wie hast du dort gelebt?

Ich habe in Mossul Umwelttechnik studiert, dann aber nur kurz in diesem Bereich gearbeitet, um anschließend Krankenpflege zu studieren. Ich mache gerne Sport. Außerdem habe ich viel im Haushalt geholfen, die Wäsche gemacht, viel gelesen und natürlich studiert. Parallel zum Studium hatte ich Jobs zum Geldverdienen. Mein Krankenpflege-Studium konnte ich nicht beenden, da die Uni nach der Besetzung von Mossul am 9. Juni 2014 durch ISIL geschlossen wurde.

Was ist ISIL?

ISIL ist Teil der Terrormiliz Islamischer Staat (IS), den wir auch Daesh nennen. Daesh verübt seit 2003 Terroranschläge und verfolgt ein dschihadistisches Staatsbildungsprojekt mit zehntausenden Mitgliedern. Sie beherrscht derzeit große Gebiete im Irak und in Syrien und kleinere Gebiete in Libyen. Die Organisation ist in verschiedenen Staaten aktiv und wirbt um Mitglieder für Bürgerkriege und andere Aktivitäten. Sie verübt Terroranschläge und wird des Völkermords wie auch anderer Kriegsverbrechen beschuldigt.

Was ist passiert als ISIL nach Mossul kam?

In Mossul hat sich das Leben durch die Eroberung der ISIL für alle Bewohner sehr verändert. Viele haben Mossul deshalb verlassen. Viele Christen, aber auch Moslems. Die Stadt ist weiterhin besetzt. Das bedeutet, das alles sehr „müde“ wurde. Alle Einrichtungen wie Schulen, Universitäten, Kindergärten wurden geschlossen. Das ganze öffentliche Leben kam zum Erliegen. Alle waren vor allem in ihren Häusern und Wohnungen.

Warum bist du geflohen?

Ich bin geflohen, weil die Situation in Mossul sehr gefährlich war. Man kann dort kaum noch leben. Und ich wollte wieder studieren. Ich wollte von Anfang an nach Deutschland. Deutschland ist das wirtschaftlich stärkste Land in Europa, es gibt dort Arbeit. Und das ist was ich tun möchte. Außerdem ist Deutschland nicht so verschlossen wie andere Länder für Flüchtlinge. Ich möchte hier mein Studium in Krankenpflege abschließen. Wenn möglich möchte ich meine Familie nachholen.

Was hast du auf deiner Flucht erlebt?

Meine Flucht begann am 5.9.2015. Ich bin in einem großen Tanklaster 2 Tage lang nach Syrien gefahren. Es ist sehr schwer aus der von der ISIL besetzten Zone zu entkommen. Im Tanklaster zu fliehen ist die beste Möglichkeit. 900 $ habe ich dafür gezahlt.

In Syrien sind wir dann für 200 $ mit dem Auto an die Grenze zur Türkei gefahren worden. Dort war es sehr sehr gefährlich. Wir liefen mit etwa 50 Menschen zu Fuß auf die Grenze zu. Die türkische Armee hat uns bemerkt und hat die meisten erwischt. Von den 50 kamen nur vier, darunter ich, in die Türkei.

Von der Türkei aus nahm ich den klassischen Fluchtweg. Mit einem Schlauchboot mit 40 Personen darauf ging es über das Mittelmeer nach Griechenland, auch das war sehr gefährlich. Die türkische Grenzpolizei versucht die Boote abzufangen und geht brutal gegen die Flüchtlinge vor. Die Fahrt in dem einfachen Schlauchboot, eng zusammengepfercht bei hohem Wellengang hat 1300 € gekostet. Gegen 5 Uhr morgens kam ich auf einer griechischen Insel an. Dann ging ich zur Polizei. Sie haben mich in ein Flüchtlingscamp gebracht. Die Situation dort ist sehr schlecht. Es gibt kein Wasser, keine Essen, es ist sehr dreckig. Es ist furchtbar dort!

Unterwegs war ich auch mehrfach krank. Von Griechenland ging es mit der Fähre, zu Fuß, mit Bussen und Autos weiter nach Mazedonien. Geschlafen haben wir dort in Zelten für Flüchtlinge. Insgesamt hatte ich aber kaum geschlafen auf der Flucht, die längste Zeit ohne Schlaf waren 4 bis 5 Tage am Stück. Von Mazedonien ging es nach Serbien, auch dort gab es eine Zeltunterkunft für Flüchtlinge. Ungarn ist gefährlich; dort Fingerabdrücke abgenommen zu bekommen wollten wir vermeiden. Wir sind durch Ungarn in einer kleinen Box in einem Auto gefahren. Es waren 16 Leute in dieser Box, mit angezogenen Beinen und zusammen gekrümmt fuhr ich 5 Stunden durch Ungarn, für 1500 € bis nach Österreich. Von dort ging es dann mit dem Zug weiter nach Deutschland. Im ersten Bahnhof, in Passau wurde ich am 14.9.2015 von der Polizei aufgegriffen und von ihnen dann mit dem Bus mit den andern Flüchtlingen nach Zirndorf in die Erstaufnahmestelle gebracht. Anschließend wurde ich in einer Fahrzeughalle der Feuerwehr in Nürnberg untergebracht. Jetzt bin ich wieder in weiteren Fahrzeughalle mit abgetrennten „Räumen“. Darin stehen jeweils 4 Stockbetten. Ich vermisse meine Familie sehr.

Wie war dein Ankommen in Deutschland?

Als ich her kam, fand ich vieles toll: Alle Leute sind hier offen, sie lachen! Das kenne ich aus Mossul kaum noch. Und hier wird was gemacht! Hier fangen die Menschen um 8 Uhr an zu arbeiten und um 2 Uhr oder 4 Uhr ist Schluss im Büro, in der Schule. Bei uns wird um 8 Uhr angefangen und um 9 Uhr ist aufgehört, auch wenn es eigentlich den ganzen Tag gehen sollte. Ich wusste dort nie, ob ich morgen noch meinen Job habe. Hier ist dagegen jeder für seine Arbeit verantwortlich. Das ist toll, das ist der Grund für den Erfolg Deutschlands. Und die Ruhe, die Leute arbeiten alle konzentriert. Und die Freiheit in Deutschland ist klasse! Ich rede mit dir, einer Christin, als Moslem. Und das macht keinen Unterschied zwischen uns.

Hier das Interview als pdf S.A.Irak

Zwei Arbeitsblätter zu den Interviews für den Schulunterricht finden Sie hier.