Aladin, Syrien

Interview mit Aladin, 31 Jahre, geflüchtet aus Syrien nach Deutschland, geführt im November 2015

Seinen richtigen Namen möchte Aladin nicht nennen, da er noch nicht weiß, ob er in Deutschland bleiben kann und auch Angst um seine Familie in Syrien hat. Er möchte weder dem IS noch dem Assad-Regime Informationen über sich verfügbar machen. Deshalb gibt es hier auch kein Foto von ihm.

Aus welchem Land kommst du? Warum bist du geflohen?
Ich komme aus Damaskus in Syrien. Dort habe ich mit meiner Familie gelebt, mit meinen Eltern und zwei Brüdern. Durch den Bürgerkrieg, der seit vier Jahren in meinem Land herrscht, ist das Leben dort sehr schwierig geworden. Meine beiden Brüder sind schon vor mir geflohen. Mein Zwillingsbruder ist seit etwa drei Jahren in Ägypten. Mein zweiter Bruder ist seit etwa 2 Jahren in Brasilien. Wir sind also nun über drei Kontinente verteilt: Afrika, Südamerika und Europa. Meine Eltern sind noch in Damaskus. Ich mache mir sehr große Sorgen um sie, möchte sie gerne zu mir holen, in Sicherheit. Ich bin länger als meine Brüder in Damaskus geblieben, obwohl die Situation dort so schwer war, um meine Eltern zu unterstützen. Dann wurde ich einberufen. Das war zu gefährlich und ich bin geflohen.

Welchen Beruf hattest du in deiner Heimat?

Ich habe Heizungen gebaut und verkauft. 10 Jahre habe ich als Handwerker im Familienbetrieb gearbeitet. Meine Familie hatte eine Fabrik in der Heizapparate hergestellt wurden. Die Fabrik ist bei Bombenangriffen während des Krieges in meinem Land explodiert. Es war nichts mehr übrig. Daraufhin haben wir zuhause einen Minimarkt eröffnet. Wir haben dort das nötigste wie in einem sehr kleinen Supermarkt in einem Zimmer unseres Hauses verkauft.

Wie lief deine Flucht ab?

Ich bin alleine geflohen. Im Januar 2015 bin ich von Damaskus in den Libanon gefahren. Dort nahm ich dann ein Flugzeug von Beirut aus in die Türkei. Meine Eltern gaben mir Geld dafür. Das geht mir nach, denn sie brauchen das Geld selbst dringend. Ich habe in der Türkei acht Monate gearbeitet, um Geld für die Weiterreise zu verdienen. Es ist schwierig für Flüchtlinge in der Türkei. Die Leute dort konnten uns nicht helfen. Ich arbeitete 12-15 Stunden am Tag, verdiente aber dennoch sehr wenig. Ich wohnte mit vielen anderen Flüchtlingen gemeinsam in einem Haus. Es kostete 350 TRY (ca. 115 €) pro Monat dort einen Schlafplatz zu haben. Ungefähr 30 bis 33 Personen wohnten in diesem einen Haus. Die Betten standen dicht an dicht. Ich hatte viele verschiedene Jobs, z.B. in der Fabrikation von Düngemitteln, Pflanzenzucht, in einer Wäscherei, in einer Textilfabrik, wo ich genäht habe.

Ich wollte in der Türkei nicht bleiben, mit meiner Familie wäre das nichts gewesen, denn es ist gefährlich in der Türkei für Flüchtlinge. Wir wurden dort sehr viel kontrolliert, waren ständig unter Generalverdacht. Flüchtlinge werden viel drangsaliert von der türkischen Polizei. Oft kommt man als Flüchtling ins Gefängnis.

Einen Teil des Geldes für die Weiterreise habe ich von meinen Eltern bekommen, einen Teil selbst verdient. Dann bin ich weiter, mit dem Boot nach Griechenland. Es startete in der Nähe von Izmir. 38 Menschen saßen in meinem Schlauchboot, es war sehr eng. Um 17 Uhr startet das Boot und kam um 19 Uhr in Mytilini (Lesbos), einer griechischen Insel an. Der Motor war klein und wir waren sehr langsam. Als wir bei Izmir los sind hat die türkische Polizei uns gesehen und versucht uns zu stoppen. Sie kamen mit ihrem Polizeiboot zu unserem Schlauchboot gefahren und haben mit einem langen Messer auf unser Boot eingestochen. Ich saß direkt neben dem Motor ganz hinten. Ein Polizist versuchte den Motor mit seinem Gewehr zu zerschlagen. Er schlug immer wieder darauf ein, direkt neben mir, ich hatte keinen Platz auszuweichen. Es waren auch Kinder auf dem Boot! Dennoch versuchten sie das Boot zu zerstören. Ich hatte große Angst. Ich wünschte ich könnte diesen Moment vergessen. Es war so gefährlich! Doch dann ist die Polizei zu einem anderen Boot weitergefahren und hat uns uns selbst überlassen. Der Motor funktionierte noch, wir fuhren weiter und erreichten Griechenland.

In Griechenland ist es auf der Straße besser als im Flüchtlingscamp. Ich würde sonst nie auf der Straße schlafen, aber dort war es besser. Im Camp gab es kein Wasser, kein Essen, keinerlei Versorgung, nur dreckige Zelte voll mit Menschen. Mit der Fähre ging es dann weiter ans Festland, dann nach Mazedonien, Serbien, über Ungarn nach Österreich und Deutschland.

Wie lange bist du schon in Deutschland?

Ich bin am 9.9.2015 mit dem Zug in München angekommen. Von dort war ich bisher an 5 Stationen, nach München war ich in Ellwangen, der Erstaufnahmestelle in Zirndorf und in zwei Flüchtlingscamps in Nürnberg. Nun warte ich auf mein Asylverfahren. So lange lebe ich in Flüchtlingsunterkünften.

Aus welchem Grund bist du nach Deutschland gekommen? Was möchtest du hier machen?

Ich wollte nach Deutschland, weil Deutschland wirtschaftlich gut dasteht in Europa. Es gibt Arbeit. Und weil Deutschland Flüchtlinge nicht generell ablehnt. Ich möchte hier meine Ausbildung zum Kaufmann fertigmachen und dann arbeiten, eine Familie gründen, meinen Eltern helfen.

Was sind deine Eindrücke von Deutschland? Wie gewöhnst du dich ein?

Deutschland, die Orte hier, waren neu für mich und fantastisch. Die Menschen hier können lachen! In Syrien ziehen alle die Mundwinkel runter, sie sind nur traurig. Die Leute hier respektieren ihre Arbeit. Das führt zum Erfolg. Und die Leute respektieren uns. Sie wissen wir sind Flüchtlinge, Syrer. Das ist hier kein Grund mich schlecht zu behandeln. Das ist sehr gut! Ich gehe seit drei Wochen zur Schule um Deutsch zu lernen. Das ist sehr wichtig und ich lerne so schnell ich kann.

Der Syrienkonflikt

Seit 2011 fordert die syrische Protestbewegung den Sturz der Regierung unter Präsident Baschar al-Assad. Die Menschen fordern mehr Freiheit, Demokratie und wehren sich gegen die Unterdrückung und Zensur des Regimes. Die Sicherheitskräfte gehen mit Härte gegen die Opposition vor, viele Menschen wurden verhaftet, gefoltert, getötet. Seither bekämpfen sich Regierungs-Anhänger und Gegner, verschiedeneste Gruppierungen wollen an die Macht, unter anderem auch auch die Terrororganisation „Islamischer Staat“. Der IS hat ca. 50% der Fläche Syriens im Norden und Osten unter seine Kontrolle gebracht.

Die Situation für die syrische Bevölkerung wird immer dramatischer, vielen Menschen fehlt es am Notwendigsten zum Überleben. Über 11 Millionen Menschen sind mittlerweile auf der Flucht. Das ist etwa die Hälfte der Bevölkerung. Bei den kriegerischen Auseinandersetzungen sind mittlerweile schon mehr als 250.000 Menschen ums Leben gekommen.

(Quellen: www.politische-bildung.de und www.unhcr.ch am 3.12.2015)

Hier das Interview als pdf InterviewAladinSyrien

Zwei Arbeitsblätter zu den Interviews für den Schulunterricht finden Sie hier.