Artiom und Elena, Armenien

Interview mit Artiom und Elena, geflüchtet aus Armenien, geführt im Januar 2016

Woher kommt ihr genau?

Wir kommen beide aus Armenien, Elena aus Yerivan der Hauptstadt, ich bin in Gjumri geboren und aufgewachsen. Es ist die Stadt, wo 1988, bei einem schlimmen Erdbeben mehr als 25.000 Menschen ums Leben kamen.

Und wie habt ihr euch kennen gelernt?

Wir haben beide an der padägogischen Fakultät in Yerivan studiert. Ich bin Lehrer für Mathamatik und Elena für Russisch. Damals gehörte Armenien noch zur Sowjetrepublik. Es gab für alle Arbeit. Wir haben nach der Ausbildung als Lehrer zum Glück beide eine Stelle in einer Schule in Yerivan gefunden. Naja, und dann haben wir früh geheiratet und dann auch früh Kinder bekommen.

Ihr wolltet also unbedingt in der Hauptstadt in Armenien bleiben?

Ja unbedingt, denn hier war die Versorgungslage am besten. Man kann das nicht mehr Vergleichen mit heute. Wir haben 1983 geheiratet. In der Hauptstadt konnte man frische Lebensmittel bekommen, auch wenn wir dafür oft anstehen mussten. Auch das Bildungs- und Kulturangebot war und ist in Yerivan am besten. Wir haben ausgezeichnete Musiker, Orchester, die weltweit bekannt sind. Die medizinische Versorgung war schon damals sehr schlecht. Es hat einfach nicht in das Menschenbild gepasst krank zu sein.

Wie hat sich euer Leben verändert als die Sowjetunion 1990 zusammengebrochen ist?

Das Leben hat sich schon vorher verändert. Die Versorgungssituation wurde immer schlimmer. Im Winter haben wir in der Stadt oft Bäume gefällt, um Brennholz zu haben, weil die Energieversorgung so schlecht war. Die Menschen in den größeren Städten haben versucht, ihre Verwandte auf dem Land in der Landwirtschaft zu unterstützten. Hier konnten wir immer frische Lebensmittel auch wieder mitnehmen. Am schlimmsten war 1988 kurz vor Weihnachten, als das Erdbeben in der Nähe von Gjumri ausgebrochen ist. Sehr viele Menschen haben versucht von der Unglücksregion nach Yerivan zu flüchten. Da haben manchmal 20 Menschen in einer 4 Zimmer Wohnung gelebt. Da hat sich keiner beschwert, Menschen in Armenien sind es gewohnt sich gegenseitig zu helfen. Diese Erdbebenkatastrophe war so groß, dass die Sowjetunion das erste Mal erlaubt hat, dass auch westliche Hilfsorganisationen in das Land kommen und helfen dürfen. Trotzdem leben noch heute sehr viele Menschen in Containern, die nicht beheizbar sind.

Das heißt, die Situation hat sich nicht verbessert?

Doch auf jeden Fall ist vieles sehr viel besser geworden in Armenien. Es gibt alles zu kaufen, die Grenzen sind offen, das ist sehr schön. Trotzdem ist Armenien sehr arm. Viele ausländische Unternehmen kaufen sehr günstig Rohmaterialien und exportieren diese, wie z.B. Holz. Bei der Arbeit wird nicht auf Gesundheit, Umweltschutz oder gerechte Bezahlung geachtet. Es ist schlimm, wenn man sieht, wie der ganze chemische Abfall in die Gewässer gerät. Vor allem auf dem Land, können die Menschen nicht wegziehen, lassen ihre Kühe und Pferde in der Nähe weiden. Sehr viele Menschen werden ernsthaft krank und sterben wegen der schlechten gesundheitlichen Versorgung.

Ihr seid auch geflohen, weil es nicht die passende medizinische Behandlung gibt?

Ja leider, das ist sehr sehr schlimm. Es gibt jetzt zwar auch private Kliniken, aber auch die können uns in unserem Fall nicht richtig behandeln. Die Behandlung ist zu aufwendig, Medikamente müssten erst eingeflogen werden, oder auch medizinische Geräte stehen nicht zur Verfügung. Das schlimmste ist, dass viele westliche Hilfsorganisationen helfen wollen, z.B. wenn es um Krankenhausaufenthalte und Operationen geht. Der armenische Staat, müsste nur dem zustimmen und zugeben, dass er diese gesundheitliche Dienstleistung nicht erbringen kann. Wir können dieses kurzfristige Denken nicht nachvollziehen. Sehr viele Menschen sind schon gestorben, weil sie keine oder nicht die richtige medizinische Behandlung bekommen.

Deswegen seid ihr nach Deutschland gekommen?

Ja, wir haben keinen Ausweg mehr gesehen. Krebs ist eine tödliche Krankheit. Zur Zeit haben wir ein Bleiberecht in Deutschland. Wir hoffen sehr, dass wir noch ein bisschen bleiben können, damit sich unser gesundheitlicher Zustand stabilisiert.

Wir vermissen Armenien sehr. Vor allem unsere Kinder und Freunde. Armenien ist ein kleines Land mit knapp 3 Mio Einwohnern. Irgendwie ist das wie eine Familie. Wir halten alle sehr gut zusammen und versuchen uns gegenseitig zu helfen. Das liegt auch daran, dass in den Ländern, die um Armenien liegen, eher der Islam eine Rolle spielt, bis auf Russland. Das ist noch immer ein wichtiges Land für uns, weil es dort Arbeit gibt.

Was ist euch hier als erstes aufgefallen?

Es ist alles sehr strukturiert und ordentlich. Keiner wird besser behandelt, weil er mehr Geld hat. Das ist sehr angenehm. Das Leben sieht relativ entspannt aus, wenn wir uns die deutsche Gesellschaft von außen ansehen. Die Menschen haben alles, was sie brauchen, manchmal sogar ein bisschen mehr.

Was macht euch zufrieden und wie stellt ihr euch das nächste Jahr vor?

Das Einzige, was wir uns wünschen, ist Gesundheit! Wir würden am liebsten wieder nach Armenien zurück, aber das geht zur Zeit leider nicht, hoffentlich später!

Interview als pdf: InterviewArtiomUndElenaArmenien

Zwei Arbeitsblätter zu den Interviews für den Schulunterricht finden Sie hier.