Kinan, Syrien

Interview mit Kinan, 29 Jahre, geflüchtet aus Damaskus Syrien, geführt im Februar 2016

KinanAus welchem Land kommst du und warum bist du von dort geflohen?

Ich stammte aus Damaskus in Syrien. Das ist ein wunderbares Land, unsere alte Kultur, unser sehr gutes Essen. Seit 2011 herrscht in Syrien ein Bürgerkrieg. Der Bürgerkrieg und der Terror des IS bestimmten immer mehr das Leben des jungen Menschen. Im September 2014 erhielt ich den Einberufungsbefehl in die Armee. Das bedeutete ich würde zum Militär gehen und ein Krimineller werden, der Menschen tötet oder selbst sterben. Das wollte ich auf keinen Fall.

Welchen Beruf hast du in Syrien ausgeübt?

Dort hatte ich eine gut bezahlte Arbeit als Grafik-Designer in einer großen Werbeagentur. Mir ging es gut, ich hatte eine große Wohnung, ein eigenes Auto, habe gut verdient und war häufig im Rahmen meiner Arbeit im Ausland.

Wie lief deine Flucht ab?

Nachdem ich im September 2014 den Einberufungsbefehl in die Armee erhalten hatte, entschloss ich mich sofort zur Flucht. Mit Hilfe von Schleppern kam ich über Beirut und Algerien nach Libyen. In Libyen ist es sehr gefährlich, dort werden Menschen überfallen und umgebracht, um an ihre Habseligkeiten zu gelangen.

Ich kam dann auf einem Schlauchboot über das Mittelmeer nach Sizilien. Auch das war schlimm. Wir waren etwa 340 Leute auf einem kleinen Boot. Das Boot begann zu sinken und wir schnitten unsere Wasserflaschen auf, um damit Wasser aus dem Boot schöpfen zu können. Es war sehr gefährlich. In Italien zwangen mich die Behörden zur Abgabe meiner Fingerabdrücke. Ich wollte jedoch weiter nach Deutschland, wo ich im Sommer 2014 ankam.

Aus welchem Grund bist du nach Deutschland gekommen? Wie ging es dir hier bisher?

Bevor ich floh, informierte ich mich über verschiedene europäische Länder. Deutschland bot am meisten berufliche Möglichkeiten, hat gute Bildungsangebote. Und es sprechen deutlich mehr Menschen deutsch als holländisch oder schwedisch. Deshalb entschied ich mich nach Deutschland zu gehen. Und ein mein Cousin lebt hier. Weil das Dublin II-Abkommen für Syrer im Sommer 2015 ausgesetzt wurde, kann ich nun in Deutschland bleiben. Meine Aufenthaltserlaubnis wurde auf drei Jahre befristet. Lange Zeit habe ich in einer Flüchtlingsunterkunft in Fürth gewohnt. Seit Dezember 2015 wohne ich in einer eigenen Wohnung.

Was hast du für Pläne für die Zukunft?

Ich habe einen Deutschkurs besucht, doch nun will ich wieder arbeiten, als Grafikdesigner. Ich bewerbe mich gerade und suche gleichzeitig nach einem Abendkurs, um weiter deutsch zu lernen.

Ich bin hier zwar sicher, das ist wunderbar im Vergleich zu dem, was in Syrien ist. Doch richtig glücklich bin ich hier nicht. Mir fehlt mein Land, dort gehöre ich hin. Dort hatte ich ein gutes Leben. Hier ist sehr vieles fremd. Wenn der Bürgerkrieg vorüber ist, möchte ich wieder nach Syrien gehen und helfen, unser Land wieder aufzubauen. Es ist alles zerstört, die Bomben, es sind kaum noch Häuser heil. Es wird sehr lange dauern, Syrien wieder aufzubauen, aber ich sehe meine Aufgabe darin, das zu tun, für die folgenden Generationen.

Ich bin der deutschen Regierung und den Deutschen sehr dankbar für die Hilfe, die ich bekommen habe. Erst mit Unterbringung, Essen, Geld, später bekam ich eine Menge Geschenke, um meine neue Wohnung einzurichten: Möbel, eine Waschmaschine… Jetzt bin ich dran mich zu beeilen, einen Job zu finden, Steuern zu zahlen und Geld auszugeben… um Etwas zurückzugeben an Deutschland.

Hier das Interview als pdf InterviewKinanSyrien

Zwei Arbeitsblätter zu den Interviews für den Schulunterricht finden Sie hier.

Der SyrienkonfliktSeit 2011 fordert die syrische Protestbewegung den Sturz der Regierung unter Präsident Baschar al-Assad. Die Menschen fordern mehr Freiheit, Demokratie und wehren sich gegen die Unterdrückung und Zensur des Regimes. Die Sicherheitskräfte gehen mit Härte gegen die Opposition vor, viele Menschen wurden verhaftet, gefoltert, getötet. Seither bekämpfen sich Regierungs-Anhänger und Gegner, verschiedeneste Gruppierungen wollen an die Macht, unter anderem auch auch die Terrororganisation „Islamischer Staat“. Der IS hat ca. 50% der Fläche Syriens im Norden und Osten unter seine Kontrolle gebracht.

Die Situation für die syrische Bevölkerung wird immer dramatischer, vielen Menschen fehlt es am Notwendigsten zum Überleben. Über 11 Millionen Menschen sind mittlerweile auf der Flucht. Das ist etwa die Hälfte der Bevölkerung. Bei den kriegerischen Auseinandersetzungen sind mittlerweile schon mehr als 250.000 Menschen ums Leben gekommen.

(Quellen: www.politische-bildung.de und www.unhcr.ch am 3.12.2015)