Mariana, Argentinien

MarianaInterview mit Mariana, 28 Jahre aus Rio Gallegos, Argentinien, geführt im Dezember 2015

Wo kommst du her? Wann und wie bist du hergekommen?

Ich bin in Rio Gallegos geboren, das ist im Süden von Argentinien. Dort ist es ziemlich kalt, im Sommer haben wir meist nur einmal bis 25 Grad. Und die 120.000-Einwohnerstadt ist die windreichste Stadt der Welt.
Ich habe dort mit meinem Mann und meiner Tochter gelebt. Mit ihnen bin ich am 1. Februar 2015 nach Deutschland gekommen. Damals war ich mit meinem Sohn schwanger, der Anfang Juni hier geboren wurde. Ich habe kaum Deutsch gesprochen und die Sätze im Wörterbuch nachgeschlagen, so dass ich sagen konnte „Ich heiße Mariana, ich komme aus Argentinien…“ So habe ich nach und nach Deutsch gelernt und kann langsam mehr verstehen. Mein Deutschkurs, der Integrationskurs, hat erst letzte Woche begonnen. Mein Mann konnte auch kaum deutsch, sein Kurs hat aber schon im Mai angefangen.

Was hast du in Argentinien gemacht? Was für eine Ausbildung hast du?

Ich habe 8 Jahre lang bei der staatlichen Krankenversicherung gearbeitet. Im letzten Jahr bevor wir herkamen habe ich zusätzlich bei meiner Mutter, die Schuhe herstellt, mitgearbeitet, um Geld für die Reise zu verdienen. Außerdem male und nähe ich gerne. Auch im Garten habe ich gern gearbeitet, ich habe Gemüse und Blumen gezogen.
Ich habe keine Ausbildung, sondern habe über das Arbeiten meine Aufgaben gelernt. Das ist in Argentinien üblich. Für die meisten Berufe gibt es keine Ausbildungen, das ist anders hier. Mein Mann hat auch für den Staat gearbeitet, im Bereich des „Produktministeriums“, das für alle Produktionsbereiche wie Viehwirtschaft, Bergbau und vieles mehr zuständig ist. Er hat dort die Homepage gestaltet. Gelernt hat er Schreiner.
Bei uns gibt es eine öffentliche Schule für alle, die verpflichtende 12 Jahre dauert bis man etwa 18 ist. Alle schließen mit dem gleichen Niveau ab. Das Schulsystem funktioniert nicht gut, weil die Schulen überfüllt sind. Da sie offen sind, kommen auch Kinder aus Nachbarländern wie Paraguay und Bolivien. Auch an den Unis und in den kostenlosen Krankenhäusern sind viele, vor allem aus Chile. Viele Kinder beenden die Schule aus der Not heraus nicht. Ihnen fehlen Schuhe, Essen… offiziell darf man erst ab 18 Jahren arbeiten, aber illegal arbeiten Jugendliche dennoch, wenn es für´s Überleben nötig ist.

Aus welchem Grund bist du nach Deutschland gekommen? Wie war die Situation in Argentinien?

Ich hatte eine Arbeitsstelle beim Staat. Es gab keine Aufstiegsmöglichkeiten und auch nie Gehaltserhöhungen. Wenn ich geblieben wäre, hätte ich 50 Jahre lang so dort gearbeitet. Die Situation in Argentinien ist wirtschaftlich schwierig, es gibt schon lange wenig Arbeit.
Ich bin hergekommen, um meiner Tochter eine bessere Zukunft zu ermöglichen und ihr mehr Sicherheit zu geben. Mein Sohn war nicht geplant, erst bei den Vorbereitungen habe ich gemerkt, dass ich schwanger war. Kinder sind in Argentinien in Gefahr. Es gibt viel Gewalt, Raub (das ist noch das Geringste), Vergewaltigung, Entführung, Mord… Hier können die Kinder alleine zur Schule gehen! Das gibt es in Argentinien nicht.

Warum seid ihr nach Deutschland und nicht in ein anderes Land gekommen?

Ich habe einen deutschen Urgroßvater. 1904 ist er nach Argentinien ausgewandert, nach Patagonien. Man merkt das noch an meinem Namen Kraemer. Das deutsche Recht sagt, dass man bis zu vier Generationen lang zurückkehren darf. Mein Sohn wurde hier geboren, er ist gleich als Deutscher auf die Welt gekommen. Ich selbst und meine Tochter haben beide Staatsangehörigkeiten, ich habe also auch zwei Pässe. Mein Mann hat ein Familienvisum.

Wie lief die Migration ab?

Wir haben alles verkauft. Wir waren sicher, dass wir nicht zurückgehen. Mit zwei Koffern und einem Rucksack sind wir los. Meine Eltern sind zufrieden, dass wir ausgewandert sind, wegen der Zukunft ihrer Enkel. Klar leiden sie auch darunter, aber sie sehen es auch richtig. Alle haben darunter gelitten. Es hat verschiedene Seiten. Ich denke zwar öfter ans Zurückgehen, aber ich weiß, dass ich es nicht machen werde. Es war schwer unser Haus zu verlassen, mit dem schönen Innenhof. Meine Tochter konnte da einfach raus zum Spielen. In Rio Gallegos ist viel mehr Platz als hier, fast alle haben dort einen Hof oder Garten.
Für die Reise haben wir etwa 4500,-€ gezahlt, davon gingen 1000,-€ an den Staat. Das ist so einen Art sich Freikaufen. Man kann das Geld zurückfordern, das ist gesetzlich festgelegt, das habe ich auch gemacht. Allerdings war die Antwort, ich solle still halten, dann bekäme ich das Geld vielleicht im Laufe eines Jahres. Wenn ich nerven würde, bekäme ich es auf keinen Fall. Man wird so innerhalb des Gesetzes beraubt.
Wir sind von Rio Gallegos über Buenos Aires, Madrid und München nach Nürnberg geflogen. Vier Flüge mit unserer fünfjährigen Tochter und schwanger, das war anstrengend!
Wir hatten vor nach Hamburg zu gehen, in eine große Stadt. Ich habe aber eine Cousine in Lauf an der Pegnitz wo wir als erstes zu Besuch waren. Im Februar war es dort winterlich kalt und wir dachten, in Hamburg weiter im Norden wird es noch kälter sein. Meine Cousine empfahl uns auch in der Nähe zu bleiben, also beschlossen wir hier zu bleiben. Drei Monate lebten wir zur Untermiete in Nürnberg in einer 2-Zimmerwohnung. Wir suchten lange nach einer Wohnung, haben aber nur ein einziges Angebot bekommen. Die meisten wollten niemanden, der nicht deutsch sprechen kann. Mein Mann hatte zwar Arbeit, aber auch einen niedrigen Lohn. Die Vermieterin in Fürth war die einzige, die uns eine Chance gab. Ende Mai machten wir den Umzug an einem Tag, aber wir hatten noch keine Küche, keine Möbel. Zwei Wochen haben wir nur mit einer Microwelle gekocht. Und dann kam ja auch unser Sohn zur Welt. Unsere Eltern haben uns mit Geld unterstützt, um all das hinzubekommen.

Wie war das Ankommen in Deutschland?

Gut. Wir sind gut empfangen worden. Dass wir versucht haben deutsch zu sprechen, kam gut an. Nur im Jobcenter und auf dem Ausländeramt war es nicht angenehm. Und auch einmal auf der Post. Ich wollte Briefmarken kaufen und wusste nicht wie der Automat funktionierte. Der Postangestellte reagierte gereizt, wollte oder konnte auch keine Englisch mit mir sprechen und schrie mich an. Die Leute lachten nur über sein Geschrei, keiner half mir. Ich bin dann einfach gegangen, draußen musste ich weinen. Sprache ist so wichtig!

Welche Unterschiede kannst du zwischen Deutschland und deinem Herkunftsland feststellen?

Es gibt da schon einige Dinge die mich erstaunt haben. Als ich schwanger war, hat mir im heißen Sommer im Bus niemand einen Sitzplatz angeboten. Auch im Supermarkt… bei uns ist es üblich, dass man Schwangere vorlässt. Hier hat niemand Rücksicht genommen.
Auf dem Spielplatz sind die Kinder nicht so offen wie bei uns. Bei uns spielen alle miteinander, sie gehen direkt aufeinander zu und spielen los. Hier ist das anders, das musste ich meiner Tochter irgendwie erklären. Die Leute sind hier nicht so offen. Für mich war es echt schwierig, denn ich bin noch nie vorher weiter weg gefahren. Nur einmal war ich in Chile, das ist nur 100 km von meiner Heimatstadt weg. Ich kannte also noch gar keine anderen Kulturen.

Was glaubst du, wie wird deine Zukunft aussehen?

Ich möchte nun erst mal deutsch lernen und dann eine Arbeit finden, auch einen Beruf lernen. Ich kann mir vorstellen Gärtnerin zu werden, mit Blumen zu arbeiten. Auch mein Mann will hier seine Schreinerausbildung ausbauen oder Altenpfleger lernen. Seine Mutter ist Krankenschwester und glaubt, dass das etwas für ihn wäre. Und er selbst möchte auch gerne Menschen helfen, denen sonst niemand hilft.

Mariana zur Wirtschaftskrise Argentiniens

Als 2001 die große Krise kam, hatten wir 5 Präsidenten in einer Woche! In den letzten 12 Jahren haben erst Nestor Kirchner, dann seine Frau Cristina Kirchner regiert, eine sozial ausgerichtete Regierung. Sie haben Geld verteilt, aber keine Arbeit. Hier in Deutschland wird man als Arbeitsloser unterstützt und gefordert, eine Arbeit suchen. In Argentinien wird das nicht kontrolliert oder unterstützt. Das Geld kommt, daran haben sich die Leute gewöhnt und suchen keine Arbeit mehr. Vor 2001 war 10 Jahre lang Carlos Menem an der Regierung. Er hat die staatlichen Unternehmen privatisiert und verkauft und hat die Bindung von 1:1 des argentinischen Peso an den US-Dollar festgelegt. Soviel war der Peso nicht wert. Der nächste Präsident De la rúa hatte sehr miese Ausgangsbedingungen. Alles war verkauft. Außerdem hatte er keine Ausstrahlung, bekam nichts hin und konnte die Leute nicht überzeugen. Daraufhin gab es die großen Proteste, die Menschen protestierten mit Töpfen lärmend auf den Straßen gegen die Abwertung des Geldes und die Inflation. Dann folgten Repressionen: Bei den Protesten wurden sogar Menschen vor dem Präsidentenpalast getötet. Der Präsident ist vom Dach des Palastes mit dem Hubschrauber geflohen. Es folgte das Chaos mit den vielen Präsidenten in sehr kurzes Zeit. 2002 war dann Duhalde für ein Jahr an der Regierung und dann folgte Kirchner. Er kam aus der reichen Provinz Santa Cruz, wo ich auch herkomme und wo es Erdöl gibt. Er gehört zur Peronistischen Partei. Ein Vergleich mit deutschen Parteien ist schwierig, da die argentinische Parteienlandschaft ganz anders aufgebaut ist. Kirchner war 8 Jahre lang an der Regierung, seitdem ist Cristina Kirchner Präsidentin.

In all den Jahren gab es kein Wirtschaftswachstum. Verschiedene privatisierte Staatsunternehmen wurden zurückgekauft, z.B. die Fluggesellschaft. Sie waren jedoch in einem schlechten Zustand. Christina Kirchner hat zusätzlich Importe verboten, um die heimische Wirtschaft zu unterstützen. Zu der Zeit war der US-Dollar 15 Pesos wert. Davon gingen 30-35 % als Steuern an den Staat, das ist mit fast allem so. Neben dem offiziellen Dollar gab es noch drei weitere, der blaue, eine illegale Tauschwährung, wurde sogar von den Banken in den Wechselkursübersichten geführt.

Als wir uns auf den Weggang vorbereitet haben, musste ich nach Chile um dort für einen Euro 19 Pesos zu zahlen, obwohl es offiziell nur 10-12 Pesos waren. In Argentinien konnte ich ihn nicht legal kaufen.

Hier das Interview als pdf MarianaArgentinien

Zwei Arbeitsblätter zu den Interviews für den Schulunterricht finden Sie hier.