Messeret, Äthiopien

Interview mit Messeret, 42 Jahre, aus Äthiopien

Aus welchem Land kommst du und warum bist du von dort geflohen?
Ich bin in Äthiopien geboren. Mit meiner Schwester bin ich bei meinen Eltern in Addis Abeba aufgewachsen. Nach dem College arbeitete ich dort als Sekretärin bei diversen Botschaften und Organisationen, unter anderem der Afrikanischen Union, die ihren Hauptsitz in Addis Abeba hat. Ich hatte dort ein gutes Auskommen.
Mein Vater kommt aus Eritrea und lebte in Äthiopien. Meine Mutter ist in Adwa im Norden Äthiopiens geboren. Durch den Konflikt zwischen Eritrea und dem Rest Äthiopiens war unsere Familie in Gefahr. In Eritrea entwickelte sich eine starke Opposition, die einen eigenständigen eritreischen Staat forderte. Es folgte ein schrecklicher Krieg zwischen Äthiopien und Eritrea und das Land wurde geteilt.

Wie lief deine Flucht ab?
Ich hatte Angst meinen Arbeitsplatz zu verlieren, weil mein Vater Eritreer war.
Als der Konflikt unerträglich wurde, entschied ich mich zu fliehen und auf die Suche nach einer besseren Zukunft zu machen. Ich flüchtete aus meiner Heimat. Das war nicht einfach, denn mein Ausweis und Führerschein waren abgelaufen und ich durfte ohne Erlaubnis nicht fahren. Meine Schwester verkaufte mein Auto für mich, damit ich genug Geld für die Flucht hatte. Ich brauchte das Geld dringend, denn wahrscheinlich wäre ich bald verhaftet worden.

Aus welchem Grund bist du nach Deutschland gekommen? Wie ging es dir hier bisher?
Ich wollte gar nicht nach Deutschland. Mein Englisch war gut und ich wollte nach London. Ich ging zu einem Schlepper, zahlte viel Geld für einen gefälschten Pass und für ein Flugticket nach London. Letztendlich landet ich aber mit gefälschten Dokumenten in Frankfurt a.M Flughafen, mein Schlepper war dort plötzlich verschwunden. Da meldete ich mich noch am Flughafen bei der Polizei und stellt einen Asylantrag.
Ich wurde nach Schwalbach in ein Zentralaufnahmelager für Flüchtlinge gebracht. Gemeinsam mit fünf andern Asylbewerbern aus verschiedenen Ländern fuhr ich am gleichen Tag von dort mit dem Zug ins Erstaufnahmelager nach Zirndorf. Die Zugfahrt mit mehrmaligem Umsteigen zu bewältigen war sehr schwer, nur mit einem der fünf fremden Männer konnte ich mich verständigen und keiner von uns konnte deutsch. Den ganzen Tag hatten wir fast nichts zu Essen und Trinken. Erst im Dunkeln erreichten wir den Zirndorfer Bahnhof. Es regnete. Auf der Straße fragten wir Passanten nach dem Weg zur Erstaufnahmestelle. Wir brauchen lange, um die Gebäude zu finden und werden völlig durchnässt. Ich war völlig ko, als ich gegen 23 Uhr in einem Aufenthaltsraum ankam. Gleich nach der Anmeldung brachte man mich alleine in einen düsteren Raum, wo ich die Nacht verbrachte. Die hygienischen Zustände waren katastrophal, die Betten waren schmutzig und bei der Essensausgabe musste man ewig anstehen. Ich war einsam und traurig. Dann traf ich einen schwerkranken englisch sprechenden Asylbewerber, mit dem ich meine Zeit verbrachte ohne etwas von seiner schlimmen Krankheit zu bemerken. Den deutschsprachigen Zettel zur Ansteckungsgefahr an der Tür konnte ich nicht lesen.
Gleich am zweiten Tag steckte ich mich bei ihm an und erkrankte an Tuberkulose. Daraufhin wurde ich in zwei Krankenhäusern über Monate stationär behandelt und musste ein Jahr lang starke Medikamente einnehmen. Nach einem halben Jahr im Krankenhaus übersiedelte ich dann in das Asylbewerberheim in der Fronmüllerstraße in Fürth. Ich wollte mir dann ein normales Leben aufbauen, lernte deutsch in diversen Sprachkurse.
Nachdem mein Asylantrag befürwortet wurde, war es Zeit für mich, das vertraut gewordene Heim zu verlassen. Dies fiel mir sehr schwer, da ich immer mit Freunden und Bekannten zusammen gewohnt hat. Alleine in einem fremden Land, mit einer fremden Sprache, in einer fremden Kultur zu leben machte mir Angst. Schließlich mietete ich mir eine eigene Wohnung. Um das Alleinsein zu übertönen läuft zuhause meist der Fernseher. Ich bekam Arbeit als Raumpflegerin. Leider kann ich nicht mehr als Sekretärin arbeiten, weil mein Deutsch nicht gut genug ist.

Wie sieht dein Leben hier nun aus? Hast du für Pläne für die Zukunft?
Um etwas für mich und andere zu tun arbeite ich ehrenamtlich bei vielen verschiedenen Organisationen, hauptsächlich zu Migration und Asyl. Ich bin Mitglied des Integrationsbeirats der Stadt Fürth, engagiere mich bei der Arbeitsgemeinschaft der Ausländerbeiräte Bayerns (AGBY), dem Migrantinnen Netzwerk Bayern (stellvertretende Vorsitzende), dem Multikulturellen Frauentreff e.v. Fürth ,  bei MIMI  bin ich Interkulturelle Gesundheitsmediatorin und ich bin Mitglied des Interkulturellen Gartens Fürth. Außerdem unterstütze ich andere Flüchtlinge und kümmere mich um Mädchen und Frauen, die Opfer von Vergewaltigungen geworden sind. Mit diesen Tätigkeiten hoffe ich den Anderen helfen zu können. Und es macht mich froh etwas zu tun, das sinnvoll ist. Ich möchte es weiterhin machen. Ich bin nun schon lange hier. 2010 beantragte ich die deutsche Staatsangehörigkeit, bestand die nötigen Prüfungen und bin seitdem Deutsche.

Hier das Interview als pdf MesseretAethiopien

Zwei Arbeitsblätter zu den Interviews für den Schulunterricht finden Sie hier.