Najib, Syrien

Interview mit Najib, 30 Jahre alt,  aus Syrien,  interviewt im Februar 2016

Woher kommst du in Syrien?
Ich komme aus Latakia, einer Stadt, die am Meer liegt. Ich habe Englische Literatur und Business Administration studiert. Nach meinem Studium hab ich für Volvo gearbeitet und war General Manager für Dunlop. Zwischen dem Studium habe ich auch meinen Militärdienst abgeleistet. Der dauert in Syrien zwei Jahre. Ich hatte in Latakia ein sehr gutes Leben. Ich hatte eine Familie, ein Haus und zwei Autos. Als 2011 der Krieg in Syrien anfing blieb Latakia bis 2012 verschont, doch dann war der Krieg auch hier vor unserer Haustür. Im Juli 2014 sollte ich zum Militär eingezogen werden. Das bedeutet gleich, dass du innerhalb von 4 Wochen tot bist. Du wirst schlecht ausgerüstet und stehst in der ersten Reihe als Soldat, du bist also das erste was dein Gegner sieht. Das möchte kein Mensch!

Was hast du dann gemacht?
Ich habe mich entschieden Syrien zu verlassen und nach Europa zu gehen. Ich hatte noch nicht Deutschland im Kopf, eher Norwegen. Mit der Fähre bin ich von Syrien aus nach Mersin in die Türkei gefahren. Dafür habe ich dem Fährmann extra Geld gegeben, damit ich mitfahren kann. Damals war es nicht möglich für mich ein Visum für die Türkei zu bekommen,da ich ja in den Krieg ziehen sollte. Meine Tante lebt in Mersin. Ich habe dort auch eine Freundin gehabt und zwei Monate geholfen in Flüchtlingscamps.

Warum bist du dann mit dem Boot über das Mittelmeer geflohen?
Ohne Türkisch bekommst du keinen guten Job in der Türkei. Es gab die Möglichkeit direkt von Mersin mit einem Boot nach Italien zu fliehen. Man hat uns versprochen, dass wir mit einem Holzboot auf die See fahren und das dort ein richtiges Schiff aus Metall auf uns wartet. Ich habe für die diese Fahrt 5000 EUR bezahlt. Das Boot mit dem wir gestartet sind war 7m lang und wir waren 100 Menschen. Man sagte uns diese Fahrt wird 7 Tage dauern. Wir haben allerdings 15 Tage gebraucht. Ich war völlig verzweifelt. Wir haben nicht mehr geglaubt, dass wir ankommen werden. Die Stürme in der Nacht waren das Schlimmste. Wir hatten dann ständig Angst, dass wir ertrinken, denn das Boot hat sehr gewackelt.

Wie war die Überfahrt?
Die Überfahrt war wirklich schrecklich. Wir hatten keine Batterien, um den Motor wieder zu starten. Wir hatten zwar ein GPS, aber das mussten wir öfters wieder starten. Dann mussten wir wieder von vorne anfangen, wir wussten nicht wo wir waren. Viel große Schiffe sind an uns vorbeigefahren. Manchmal wollten wir sie stoppen, weil wir von ihnen wissen wollten wo wir sind. Wir wollten ja gar nicht auf das Schiff oder etwas zu essen, wir wollten einfach nur die richtige Richtung wissen. Mein Handy habe ich maximal für eine Stunde pro Tag angemacht, um noch genug Batterien zu haben für die nächsten Tage. In den letzten Tagen hatten wir nichts mehr zu Essen außer Zwiebeln. Wir konnten es kaum fassen, als wir die Küste gesehen haben. Es war abends und wir haben viele Lichter gesehen, das war unfassbar, nach den sehr dunklen Nächten auf der See.
Wir haben die Polizei gerufen, die haben uns gar nicht geglaubt, dass war das geschafft haben. Auch meine Eltern haben gedacht, dass ich ertrunken bin. Wenn nach 9 Tagen kein Lebenszeichen von den Menschen auf dem Boot kommt, kann man davon ausgehen, dass sie ertrunken sind.

Und dann hast du dich auf den Weg nach Deutschland gemacht?
Erst mal wurden wir medizinisch untersucht, da Ebola gerade in aller Mund war. Wir haben viel Wasser zum Trinken bekommen, außerdem noch neue Kleidung. Endlich mal wieder sich die Zähne zu putzen war ein gutes Gefühl. Erst mal habe ich mir Cathargia angeschaut, dann ging es 10 Stunden mit dem Zug nach Rom. Rom wollte ich schon immer sehen. Dann ging es weiter über Milano, Verona nach München. In Österreich wird im Zug oft kontrolliert, die Menschen werden dann zurück geschickt. Ich hatte Glück, weil ich mich mit einer Frau gleich angefreundet hatte und wir uns auf Englisch unterhalten hatten. Wahrscheinlich hat der Kontrolleur einfach übersehen, dass ich ein potentieller Flüchtling bin.

Was war dein erster Eindruck in Deutschland?
Mein erster Eindruck in Deutschland war der Bahnhof in München auf dem alle Menschen das Oktoberfest gefeiert haben. Ich wollte eigentlich weiter nach Hamburg und mir ein Bahnticket lösen. Das war aber sehr teuer, also bin ich in München geblieben. Ich habe eine Polizei gefunden. Dort musste ich an der Tür klingeln. Ich habe ihnen meine Situation geschildert. Sie haben gesagt, dass ich in zwei Stunden wieder kommen soll, weil sie gerade sehr viel Stress mit dem Oktoberfest haben. Ich sollte mir doch schon mal die Stadt anschauen. Nach meiner Registrierung bin ich in die Bayernkaserne gekommen. Dort habe ich mit 300 anderen Flüchtlingen gelebt. Danach in Ingolstadt, dort habe ich meinen jetzigen Mitbewohner Mohamed kennen gelernt. Danach ging es nach Ansbach. Ich habe Deutsch gelernt. Ab dem nächsten Semester werde ich als Arabischlehrer an der Universität arbeiten. Es geht langsam aber sicher voran.

Welchen Wunsch hast du?
Ich habe keinen großen Wunsch, ich habe alles schon gehabt – eine Familie, Auto, ein Haus. Ich bin sehr gut in Beziehungen mit Menschen aufbauen. Ich möchte die Liebe, die ich erfahren habe zurückgeben.

Hier das Interview als pdf Najib Syrien

Zwei Arbeitsblätter zu den Interviews für den Schulunterricht finden Sie hier.

ann.

Der SyrienkonfliktSeit 2011 fordert die syrische Protestbewegung den Sturz der Regierung unter Präsident Baschar al-Assad. Die Menschen fordern mehr Freiheit, Demokratie und wehren sich gegen die Unterdrückung und Zensur des Regimes. Die Sicherheitskräfte gehen mit Härte gegen die Opposition vor, viele Menschen wurden verhaftet, gefoltert, getötet. Seither bekämpfen sich Regierungs-Anhänger und Gegner, verschiedeneste Gruppierungen wollen an die Macht, unter anderem auch auch die Terrororganisation „Islamischer Staat“. Der IS hat ca. 50% der Fläche Syriens im Norden und Osten unter seine Kontrolle gebracht.

Die Situation für die syrische Bevölkerung wird immer dramatischer, vielen Menschen fehlt es am Notwendigsten zum Überleben. Über 11 Millionen Menschen sind mittlerweile auf der Flucht. Das ist etwa die Hälfte der Bevölkerung. Bei den kriegerischen Auseinandersetzungen sind mittlerweile schon mehr als 250.000 Menschen ums Leben gekommen.

(Quellen: www.politische-bildung.de und www.unhcr.ch am 3.12.2015)