Samar und Michail, Syrien

Interview mit Samar, 41 Jahre und Michail, 26 Jahre, geflohen aus Homs, Syrien, das Interview wurde im März 2016 geführt

Wo seid ihr geboren und wo habt ihr gelebt? Wann und wie seid ihr hergekommen?

Wir gehören zu einer Familie, sind Cousins und sind beide in Homs in Syrien geboren. Dort haben wir gelebt. Im Bürgerkrieg sind von unseren Familien die Häuser zerstört worden und wir sind in ein Dorf in der Nähe von Homs gezogen. Dort ist es sicherer, den Homs wurde sehr gefährlich für uns. Unsere Familie lebt nun in diesem Dorf: meine beiden Töchter (Samar), meine Eltern und beiden Schwestern (Michail). Viele Christen sind dorthin gegangen, denn der Fluchtweg in den Libanon ist kurz.

Im Juli 2015 sind wir von dort geflohen, und nach einem Monat am 8. August, waren wir dann hier in Deutschland.

Wie war euer Leben früher? Was habt ihr gemacht?

Ich, Samar, hatte eine Galerie und habe nationale und internationale Kunstausstellungen veranstaltet. Auch für Antiquitäten habe ich Ausstellungen organisiert. Das war mein Leben, ich habe viel Zeit da hinein gesteckt. Die Galerie wurde im Krieg zerstört. Und natürlich auch in meine Familie, einen Vater haben meine beiden Töchter nicht. Sie sind jetzt 22 und 25 Jahre alt, und ich möchte sie so gerne zu mir nach Deutschland holen. In Syrien sind sie in Gefahr.

Ich, Michail, habe an der Universität von Homs IT studiert, im Diplomstudiengang. Ich war schon recht weit, es hat noch ein Jahr gefehlt, aber ich konnte nicht mehr fertig studieren. Während des Krieges habe ich außerdem gearbeitet, als Maler, in der Landwirtschaft und als Friseur. Wir Syrer könnnen alles (lacht). Meine Eltern hatten in Homs einen Laden, der zerbombt wurde. Da sie schon alt sind, konnten sie nichts Neues mehr finden und ich musste Geld für die Familie verdienen. Vor dem Krieg habe ich häufig Autos repariert. Ich liebe Autos und repariere eigentlich alles gerne. Außerdem habe ich früher Fußball gespielt und Kickboxen gemacht. Ich hatte auch eine Freundin, aber im Krieg war an eine Heirat nicht zu denken. Ich weiß gar nicht, was sie jetzt macht und wo sie ist.

Aus welchem Grund sind Sie nach Deutschland gekommen?

Bei mir, Michail, war es nicht die Einberufung zum Militär, wie bei vielen Syrern. Ich war der einzige Mann in der Familie, der arbeiten konnte. Deshalb wurde ich nicht einberufen.

Wir sind Christen. Viele Menschen in Syrien hassen uns deshalb. Wir waren ständig in Gefahr von Terroristen ermordet zu werden aufgrund unserer Religion. Ursprünglich waren fast alle Syrer Christen, Jesus selbst hat ja syrisch gesprochen. Doch seit langem sind dort die Muslime, Sunniten und Schiiten. Sie streiten untereinander und sind beide gegen die Christen. Ich selbst habe nichts gegen ein Zusammenleben mit verschiedenen Religionen. Von den 24 Mio Syrern sind etwa 1 Mio Christen, vor allem in unserer Gegend um Homs herum. Die Gefahr für uns ist dort sehr groß.
Ich wollte meine Studium beenden und arbeiten. Und ich hoffe, dass ich meine Familie herbringen kann, in Sicherheit.

Ich, Samar, wollte auch wieder arbeiten, am liebsten in einer Gallerie, und meinen Töchtern helfen.

Wie lief die Flucht ab?

Wir fuhren in eine Auto in den Libanon, das dauerte etwa eine halbe Stunde. Dann flogen wir von Beirut nach Izmir in der Türkei. Von dort sind wir in einem Schlauchboot auf eine griechische Insel gefahren, nach Metarius. Das Boot war voller Wasser und wackelte schrecklich, es war sehr gefährlich. Dann ging es mit der Fähre nach Athen. Von Athen fuhren wir bis Saloniki im Norden des Landes. Dann sind wir zur Grenze gelaufen, nach Mazedonien und dann zu Fuß weiter bis nach Serbien. 11 Stunden sind wir an einem Tag gelaufen, es war sehr anstrengend. Von Serbien sind wir weiter nach Ungarn. Die Polizei hat uns in Ungarn erwischt und uns eingesperrt, um unsere Fingerabdrücke zu nehmen.

Nach drei Tagen, in denen sie unsere Fingerabdrücke noch nicht genommen hatten, konnten wir mit einem Trick entkommen. Wir baten jemanden um Hilfe, er sollte den Polizisten in ein Gespräch verwickeln. In dieser Zeit sind wir auf einen Baum geklettert und von dort aus über die Absprerrung entkommen. Wir saßen einige Zeit im Baum, mit klopfenden Herzen. Dann mussten wir springen und rennen. Ein Auto stand für uns bereit, die Polizisten rannten hinter uns her, wir sprangen in das Auto, und der Fahrer gab Vollgas. So sind wir entkommen. 50 € haben wir dem Fahrer dafür gezahlt. Insgesamt hat jeder von uns 5000 € für die Flucht bezahlt.
Dann sind wir über Österreich nach Deutschland gefahren.

Wie ging es in Deutschland weiter? Habt ihr einen Asylbescheid?

Wir sind sehr froh, dass wir hier angekommen sind und aufgenommen wurden. Für die Hilfe, die wir bekommen, sind wir sehr dankbar. Erst waren wir in Zirndorf, dann in Fürth in der Kiderlinturnhalle, später dann im Camp in Fürth. Wir leben jetzt seit 8 Monaten im Camp, mit etwa 100 Leuten in einer Halle. Wir leben aus der Tasche, einen Schrank oder ein Fach haben wir nicht, nun ein Bett für jeden. Das Essen wird geliefert und es gibt fast jeden Tag das gleiche. Seit 8 Monaten fast jeden Tag Reis zum Mittagessen und abends Fisch aus der Dose. Es ist schrecklich, immer nur das gleich zu essen. Auch mit dem Magen haben wir beide Probleme, da das Essen keine gute Qualität hat. Einmal pro Woche kaufen wir uns etwas anderes, aber für mehr reicht unser Taschengeld nicht. Wir wären so gerne in einer Asylbewerberunterkunft, wo wir selbst kochen können. Und auch schlafen. Im Camp ist es immer unruhig, mit Kindern, die dort leben und eben dem Lärm von 100 Leuten in einem Raum. Wir sind so müde, ständig müde. Am Anfang waren wir sehr motiviert deutsch zu lernen, wir gehen auch in einen Deutschkurs, aber wir sind so müde und erschöpft, dass wir uns nichts merken können. Deshalb lernen wir sehr langsam.

Vor 3 Monaten hatten wir unser Interview zum Asylantrag beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF). Jetzt warten wir auf die Bewilligung des Asylbescheids.
Und wir warten auf einen Raum, ein Ende des Lebens aus der Tasche. Wir fühlen uns wie Gefangene, haben ein Armband zur Kontrolle, das eng am Handgelenk liegt, es wird jeden Tag erneuert, wenn wir es abmachen. Und um 22 Uhr wird das Licht ausgeschaltet, es fühlt sich an wie im Gefängnis.

Haben Sie noch Kontakt zu Freunden und Verwandten im Syrien?

Ja, es geht allen einigermaßen gut, zum Glück.

Was wünscht ihr euch für eure Zukunft?

Zuerst eine bessere Unterkunft, dann deutsch lernen und wieder anknüpfen an unser früheres Leben. Ich, Samar, möchte gerne in einer Galerie arbeiten. Und ich, Michail, möchte mein Studium beenden. Außerdem möchten wir unserer Familie helfen. Vielleicht ist es über einen UNO-Antrag für Flüchtlinge im Libanon möglich. Aktuell ist es sehr schwer, ihnen zu helfen.

Wenn der Krieg in Syrien vorüber ist, möchten wir zurückgehen und wieder dort leben. Es ist unsere Heimat, dort kennen wir alles, haben Familie und Freunde.

Habt ihr Fragen an uns?

Könnt ihr uns unterstützen, eine bessere Unterkunft zu bekommen? Das ist so wichtig für uns, wir waren schon bei der Flüchtlingsberatung, im Sozialrathaus, bei der Erstaufnahmestelle in Zirndorf, wo wir nicht reinkamen. Alle haben uns weggeschickt.

 

Hier das Interview als pdf InterviewSamarMichail

Zwei Arbeitsblätter zu den Interviews für den Schulunterricht finden Sie hier.

Der Syrienkonflikt
Seit 2011 fordert die syrische Protestbewegung den Sturz der Regierung unter Präsident Baschar al-Assad. Die Menschen fordern mehr Freiheit, Demokratie und wehren sich gegen die Unterdrückung und Zensur des Regimes. Die Sicherheitskräfte gehen mit Härte gegen die Opposition vor, viele Menschen wurden verhaftet, gefoltert, getötet. Seither bekämpfen sich Regierungs-Anhänger und Gegner, verschiedeneste Gruppierungen wollen an die Macht, unter anderem auch auch die Terrororganisation „Islamischer Staat“. Der IS hat ca. 50% der Fläche Syriens im Norden und Osten unter seine Kontrolle gebracht. Die Situation für die syrische Bevölkerung wird immer dramatischer, vielen Menschen fehlt es am Notwendigsten zum Überleben. Über 11 Millionen Menschen sind mittlerweile auf der Flucht. Das ist etwa die Hälfte der Bevölkerung. Bei den kriegerischen Auseinandersetzungen sind mittlerweile schon mehr als 250.000 Menschen ums Leben gekommen.

(Quellen: www.politische-bildung.de und www.unhcr.ch am 3.12.2015)