Siba, Äthiopien

Interview mit Siba, 35 Jahre aus Äthiopien geführt im März 2016

Wo bist du geboren und wo hast du gelebt?

Ich wurde in Welega, in Äthiopien geboren und bin dort aufgewachsen, als Erwachsener habe ich in Addis Abbeba gelebt, war aber noch oft in Welega, da meine Familie dort ein großes Haus hat.

Wie war dein Leben früher? Was hast du gemacht?

Mein Leben war perfekt. Mein Vater war Apotheker. Ich habe an der Uni in Addis Abbeba studiert und auch meinem Vater in der Apotheke in Welega geholfen. Ich habe Physiotherapie studiert. Ich was also immer zwischen Welega auf dem Land und der Stadt unterwegs. Nach meinem Schulabschluss hatte ich Glück, dass ich einen Studienplatz in Addis Abeba bekam, denn das wird einfach zugeteilt und ich hätte auch weit weg landen können. Ich habe mein Studium beendet und war an der Uni bei einer Studentendemonstration dabei. Mein Vater war vor 2004 politisch aktiv. Die Regierung hat unser Haus regelmäßig durchsucht. Meine Familie ist sehr groß, es waren immer viele Leute bei uns im Haus. Die Regierung warf uns vor, die Oromo Liberation Front (OLF) zu unterstützten, mit Geld, Essen und vielem mehr. Ich war mehrfach, vier Mal im Gefängnis deshalb. Unsere Regierung ist seit 25 Jahren dieselbe. Wenn es Wahlen gibt, kommen sie mit Gewehren und bedrohen uns. Wenn man sie nicht wählt, wird das Geschäft, also die Apotheke meines Vaters, zerstört. Und sie machen es hinterher auch, wenn man sie nicht wählt…nicht direkt, aber hintenherum.

Aus welchem Grund bist du nach Deutschland gekommen? Wie lief die Flucht ab?

Als sie mich das 5. Mal verhaften wollten, war ich unterwegs. Mein Vater rief mich heimlich an, damit ich nicht heimkam. Ich schlief bei einem Freund. Er gab mir zwei Hosen und etwas Geld, das mein Vater ihm später zurückzahlte. Dann verließ ich das Land. Ich machte ein paar Telefonate und dann saß ich drei Tage im Bus und fuhr bis nach Matema an der Grenze zum Sudan. Das war vor 9 Jahren im Februar 2008. Ich hatte keinerlei Papiere, deshalb musste ich doppelt soviel zahlen, um über die Grenze zu gelangen. Zum Glück öffnet Geld einem alles. Ich habe im Sudan lange nach Arbeit gesucht. 3 Jahre lang… meine Cousins haben mit Geld geschickt, da mein Vater das nicht direkt konnte. Sie leben in den USA. Zurückgehen war keine Option. Ich hatte mit Studenten an der Uni protestiert, davon hatte die Regierung ein Foto.

Schließlich fand ich endlich Arbeit, als Reinigungskraft in einem Supermarkt. Am zweiten Tag dort traf ich einen Mann, der Medizinprofessor ist. Wir unterhielten uns auf englisch, weil mein Arabisch noch nicht so gut war. Er fragte mich, ob ich zufrieden sei und lud mich an seine Uni ein, wo vor allem englisch gesprochen wurde. Ich sagte sofort zu. Am nächsten Tag holten mich seine Leute ab und ich arbeitete und studierte an der Universität bis 2014. Ich traf dort auch meine Frau und wir heirateten und bekamen 2011 unseren ersten Sohn. Wir lebten in einer Wohnung, dann in einem Haus, das wir vom Professor anmieten konnten. Er hat mich so gut unterstützt.

Dann passierte im Sudan das gleiche, der Sudan ließ die äthiopische Regierung rein und die Leute wurden nachts abgeholt. Dann haben sie begonnen, alle politischen Flüchtlinge selbst zurückzuschicken. Wir mussten fliehen. Ich konnte nicht mit dem Flugzeug weg, ohne Papiere. Ich rief meine Mutter an und bat sie zu kommen. Sie hat meinen Sohn mit zu sich genommen. Meine Frau und ich sind dann im März 2014 los durch die Sahara Richtung Mittelmeer.

Es war sehr schwierig in Lybien. Sie vergewaltigen die Frauen vor deren eigenen Männern, viele wurden umgebracht. Wir haben dort das schlimmste gesehen. Wenn wir etwas zu trinken brauchten, gaben sie uns kaum etwas. Manche sind einen Monat in der Wüste unterwegs, obwohl man es in 7 Tage schaffen kann. Wir waren 11 Tage unterwegs. Zum Glück ist meiner Frau nichts passiert. In Khartum (Hauptstadt des Sudan) hatte mich jemand Doktor gerufen und die Schlepper haben es mitbekommen. Sie wollten dass ich in Lybien bleibe und für sie die Verletzten und Kranken in ihrem Mafiageflecht behandle. Sie können nicht ins Krankenhaus, da sie illegal da sind. Der Chef wollte mich bezahlen, den doppelten Preis. Ich arbeitete dort einige Zeit ohne Geld zu nehmen, vor allem um meine Frau zu schützen. Und wir mussten warten, bis das Geld, das wir den Schleppern im Sudan bezahlt hatten, in Lybien ankam. Ich fuhr mit einem schwarzen Auto herum, sie besorgten Medikamente in den Apotheken und ich behandelte die Menschen, zu denen sie mich brachten. Ich habe kaum geschlafen soviel Arbeit war das, vielleicht 2 Stunden am Tag. Es waren Leute aus vielen Ländern, sie wollten alle nur dort weg, so wie ich.
Ich hatte Geld in einem Geheimfach im Hosenbund, meine Frau auch, für Notfälle, um kurzfristig fliehen zu können. Nach 29 Tagen dort – sie hatten mir gesagt nur 2 Tage – gab es eine Party für alle Mafialeute. Ein Schlepper half uns für 300$ wegzukommen. Dann sind wir mit einem Boot von Lybien nach Italien gefahren, ich weiß noch dass wir an einem Freitagabend ankamen, das Wochenende in einem Apartment verbrachten und dann am Montag nach München weiterfuhren. Um 17 Uhr am 25. Juni 2014 kamen wir in Zirndorf bei der Erstaufnahmestelle für Asylbewerber an.

Wie war/ist die Eingewöhnung?

Es folgte das Interview mit dem BAMF zum Asylverfahren. Ich arbeitete von Anfang an im Camp als freiwilliger Helfer mit. Am 10.10.14 kamen wir dann nach Fürth in die Fronmüllerstraße. Jetzt wohnen wir nochmal woanders, in der Karolinenstraße und haben gerade die Einladung zum letzten Interview ins BAMF bekommen. Das wird Mitte April sein. Dann wird hoffentlich endlich entschieden. Ich denke schon, dass wir hier bleiben dürfen.

Ich gehe in einen Deutschkurs in Erlangen und mache ein Praktikum in der Altenpflege bei der AWO. Wegen einer Operation muss ich nun 6 Monate aussetzen, denn ich darf nicht schwer heben. Im Juni kann ich dann weitermachen. Wir haben in Deutschland unseren zweiten Sohn bekommen. Meine Frau ist meist mit dem Baby zuhause. Früher hat sie als Friseurin gearbeitet, heute schneidet sie ab und zu Freunden die Haare. Mein erster Sohn ist immer noch bei seiner Großmutter. Es geht ihnen soweit gut. Wir können ihn noch nicht zu uns holen. Mein Vater ist inzwischen gestorben. Ich habe ihn seit 2008 nicht mehr gesehen gehabt.

Welche Unterschiede können sie zwischen Deutschland und ihrem Herkunftsland feststellen?

Hier ist man frei, ein Glas Wasser auszutrinken.

Freiheit und Sicherheit, ich kann hier schlafen und mich ausruhen, das ging in Äthiopien und auf der Flucht nicht. Das ist das Beste an Deutschland. Mit Frieden kann man viel Gutes tun.

Wenn der Tisch voll ist (die ganze Familie daran sitzt), was sonst willst du noch?

Ich möchte hundertprozentig hier bleiben. Ich wusste schon von Erzählungen von Leuten, die hier waren, bevor ich überhaupt geboren wurde, dass mir Deutschland gefällt. Das System ist gut.

Was wünschst du dir für die Zukunft?

Ich will meine Ausbildung beenden, meine Sprachkenntnisse verbessern. Und meinen Sohn herholen! Das ist das wichtigste.

 

Hier das Interview als pdf SibaÄthiopien

Zwei Arbeitsblätter zu den Interviews für den Schulunterricht finden Sie hier.