Tameru, Äthiopien

tameru smilesInterview/Erzählung von Tameru Zegeye, 33, anerkannter Flüchtling, aus Äthiopien nach Fürth gekommen

Er ist auch für Unterrichtsbesuche auf Englisch (90 min) anfragbar! Bitte bei Bildungsreferentin Melanie Diller melden.

Steiniger Weg nach oben

Du bist behindert auf die Welt gekommen. Wie begann dein Leben in Äthiopien?

Verkrüppelte, verdrehte Füße von Geburt an, schon das war eine schwere Last. In Äthiopien, noch dazu in der ländlichen Gegend, wo ich geboren worden bin, gilt eine Behinderung als etwas, das vom Teufel selbst kommt, etwas Böses, Dämonisches. Deshalb hat mich mein Vater sofort nach der Geburt, meine Mutter nach gerade mal drei Monaten erlassen und sind fortgezogen. Meine Rettung war mein Großvater, der sich um mich kümmerte.

An Schule war in dieser Gegend nicht zu denken – stattdessen werden die Kinder schon im Alter von fünf Jahren zum Ziegenhüten geschickt und für mich wurde keine Ausnahme gemacht. Weil ich nicht richtig laufen konnte, kroch und krabbelte ich über harten, mit Stein und Dornen übersäten Boden, und rieb mir dabei Hände und Füße wund, bis mein Großvater mir mit acht Jahren ein Pferd gibt, um mir die Strapazen etwas zu erleichtern.

Als ich zehn Jahre alt war, starb mein Großvater. Und damit hatte ich auch kein Zuhause mehr. Zwei Tage lang krabbelte und kroch ich, über scharfe Steine, Berg rauf, Berg runter, um nach Lalibela zu gelangen, einer kleinen Stadt mit historischen Attraktionen und ein Touristenziel. Dort begegnete ich zum ersten Mal weiße Menschen – und fürchtete mich vor ihnen. Wie viele andere äthiopische Kinder hatte ich Gerüchte darüber gehört, dass sie Menschenfresser sind.

Wie ging es dann weiter?

Erst habe ich mich als Schuhputzer durchgeschlagen, dann, nachdem ich meine Angst überwunden hatte, habe ich mit kleinen Handstand-Kunststücken für die Touristen angefangen. Mit 14 Jahren traf ich dann einen Arzt aus Amerika und der wurde zum Glücksbringer für mich: Der Arzt zahlte mir mehrere schwierige Operationen für meine Füße und übernimmt dann auch die Kosten für meine Schulbildung. Mit fünfzehn Jahren kam ich in die erste Klasse und lernt Lesen. Ich arbeitete hart, beendet schließlich die Schule und studierte anschließend Tourismus und Informatik. Gleichzeitig trainierte ich auch meine Zirkuskunststücke weiter. Ich arbeitete an verschiedenen Orten, machte z.B. Führungen im Nationalmuseum – und kämpfte gegen die Diskriminierung, die ich immerzu wegen meiner Behinderung erfährt. Genau das verärgerte mich sehr und gibt mir schließlich meinen Lebensinhalt: Ich will ein Behindertenzentrum aufbauen, um anderen Menschen zu helfen. Aber damit stelle ich sich gegen die Regierung, eine Regierung, die keine Gegner duldet und Behinderte verachtet, die, als ich Hilfe brauchte, mir keine gab. Zweimal werde ich wegen meinem Engagement ins Gefängnis gesperrt. Wenn man die Regierung unterstützt, ist der Weg nach oben ein Leichtes. Wenn nicht, dann sind die Jobaussichten gleich null. Wie der Zirkusdirektor, bei dem ich schließlich als Handstandartist arbeitete: Als enger Regierungsfreund hat er die Chance, seinen Zirkus groß zu machen. Jeder der in Äthiopien mit Kunst und Kultur zu etwas kommen will, muss das im Namen der Regierung tun. Sonst hat man keine Chance. Kunst sollte aber frei sein, weit weg von solcher Politik!

Wie kam es zu deiner Flucht?

Während ich mit dem Zirkus in Schweden war, ein Höhepunkt meiner Karriere, voll Visionen und Ideen, hat mich über Facebook die Nachricht von einem Freund erreicht: ‚Komm bloß nicht nach Hause, sonst steckt die Regierung dich wahrscheinlich ins Gefängnis und foltert dich.‘ Ein gemeinsamer Freund, mit dem ich mich engagiert hatte, war verhaftet worden. Von beiden habe ich nichts mehr gehört. Wahrscheinlich leben sie nicht mehr. Schweren Herzens habe ich den Zirkus verlassen, bin nach Deutschland gefahren und habe bei der Polizei Asyl beantragt. So bin ich nach Fürth gekommen.

Und hier, in Deutschland? Wie geht es dir hier?

Die Sicherheit, die ich hier bekommen habe, war erstmal schwierig. Fast wie ein Gefängnis. Monatelang konnte ich überhaupt nichts machen, nur tatenlos warten, auf eine Entscheidung. Das war schlimm für mich. Ich bin ein Mann voller Ideen, einer, der schon immer gekämpft hat und immer weiter kämpfen will, der sein Leben in die Hand genommen hat. Nun saß ich 20 Monate lang im Asylverfahren fest und konnte nicht weitermachen, am Anfang auch nicht arbeiten. Ich saß fest, wurde vom deutschen Staat durchgefüttert, obwohl ich Geld verdienen wollte und verpasste dabei viele Chancen. Zum Beispiel bekam ich nachdem ich in Addis Abeba einen Weltrekord aufgestellt hatte, und ich Fürth dann einen Guinessbucheintrag für das schnelle Laufen im Handstand auf Krücken, eine Einladung nach Italien für das Fernsehen. Ich konnte nicht hin, da ich keine Papiere dafür bekommen habe. Jeder Mensch hat ganz eigene Talente, und die sollte auch jeder nutzen, finde ich. Nach 9 Monaten habe ich dann begonnen mich bei verschiedenen Projekten einzubringen, habe mich engagiert für Flüchtlinge, in Schulen, Kindergärten und bei sozialen Einrichtungen durch Auftritte. Darüber fand ich über den Weltladen Fürth auch einen ehrenamtlichen Trainer, selbst ein ehemaliger Artist, der mich bei der Entwicklung einer neuen Show unterstützt. Dennoch war das Warten lange. Seit Juni 2015 habe ich endlich meinen positiven Asylbescheid. Nun bin ich anerkannter Flüchtling und kann sich mein neues Leben in Deutschland aufbauen.

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Hier das Interview als pdf TameruÄthiopien

Zwei Arbeitsblätter zu den Interviews für den Schulunterricht finden Sie hier.

Von Tameru Zegeye gibt es auch eine lange Fassung des Interviews, die für die Arbeit außerhalb des Unterrichts oder als Hausaufgabentext geeignet ist. Der Text steht hier bereit: BGLInterviewTameruZegeyeLang.

Eine Praktikantin des Weltladen Fürth, Melanie Herb, hat zudem ein Interview mit ihm über das Thema „Freiheit“ geführt. Der Text steht hier bereit: InterviewZuFreiheitmitTameruZegeye

als Audioversion: Interview zu Freiheit erster Teil

Interview zu Freiheit zweiter Teil